Designpreis 2008 der Landeshauptstadt München

Rolf Müller

Laudatio Peter von Kornatzki (im Bild das Redemanuskript)

Peter von Kornatzki Manuskript

 

Designpreis 2008

Landeshauptstadt München

 

Rolf Müller

 

Laudatio Peter von Kornatzki

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Verehrte Freunde und Kollegen der Gestaltung!

 

Mein lieber Rolf Müller!

 

Wir alle werden zwar älter, doch wir bemerken es kaum. Mir jedenfalls wurde das just da bewusst, wo ich bestimmte Todesanzeigen nicht mehr – wie früher – wegen ihrer vielleicht ungewöhnlichen typografischen Gestaltung wahrnahm. Nein, es war das Geburtsdatum mancher Verstorbener, das meinem plötzlich ähnelte!

Daß auch Du lieber Rolf – wie man es vornehm ausdrückt – ‚in die Jahre gekommen bist’, wirst Du spätestens da bemerkt haben, als Dir Deine Nominierung zum „Designpreis München 2008“ zu Ohren kam. Kaum zu glauben!

Kaum zu glauben nicht, weil Du etliche Jahre sicher bisweilen auch an diese ehrenvolle Auszeichnung gedacht hast. Kaum zu glauben vielmehr, weil solche Preise stets die Leistung von Jahrzehnten zusammenfassen. Und aus höchst individuellen, oft widersprüchlichen Lebensjahren eine bündige Lebenssumme ziehen. Das hat immer auch etwas Abschließendes.

Plötzlich wird Dir bewusst, dass Du ja nun mehr als vierzig Jahre hier in München lebst und gestaltest. Daß Du in dieser quirligen bayerischen Metropole, in der Du 1967 nur durch Zufall gelandet bist – aus Anlass der Olympischen Spiele 1972 und auf Bitten Otl Aichers, dass Du als Westfale hier heimisch wurdest und heute fest verwurzelt bist. Und dass Du von hier aus als herausragender visueller Gestalter nicht nur in bayerischen Landen, sondern weit mehr noch in Deutschland und auf der internationalen Bühne unauslöschliche Spuren gesetzt hast. So markante, so intelligente, so stilbildende und damit auch für München so prägende Zeichen, dass Dir die Landeshauptstadt dafür mit dem Designpreis 2008 dankt.

Was Dir jetzt aber vielleicht auch bewusst wird: Du hast in Deinen 40 Münchner Jahren zwei gegenläufige Entwicklungsphasen der visuellen Gestaltung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt. Den Verlauf der ersten Phase hast Du ganz entscheidend mitbestimmt; die zweite stellte vieles von dem, was zuvor erkannt und geschaffen wurde, auf den Kopf.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren, war das die Eingrenzung, eine Art ‚Begradigung’ der Gestaltung aus dem Geist der Moderne: das Verabschieden des pseudo-künstlersichen Wildwuchses in der sogenannten „Gebrauchsgrafik“; die Wiederentdeckung des Bauhauses und der dort begründeten visuellen Sprache; so wie das konzeptionelle Arbeiten für das, was unter dem neuen Begriff „visuelle Kommunikation“ verstanden wurde; dies alles verbunden mit einem damals ganz selbstverständlichen kulturkritischen Anspruch: die Welt durch ‚Gestaltung’ zu verbessern!

Zu Ende des letzten Jahrhunderts, in den Neunziger Jahren, war das plötzlich obsolet. Jetzt ging es um die Ausweitung der Gestaltung aus dem Geist der Postmoderne! Statt Reduktion der gestalterischen Mittel war neobarocke Vielfalt angesagt; statt Lesbarkeit und Verständlichkeit der Botschaft – ihrer „Visualisierung“ – galt jetzt die verspielte Dekoration wieder als vorteilhaft; und ein neues Werkzeug, der Computer, verhalf blitzschnell zu den dafür gewünschten Versatzstücken – er beschleunigte also letztlich nicht nur den Entwurfsprozess, sondern auch seine Beliebigkeit!

Dieser Qualitätssprung erschütterte das Selbstbild vieler Gestalter. Nach dem Studium und etlichen Praxisjahren hatten wir doch geglaubt, über unumstößliche ‚Gesetzte’ und ‚Regeln’ in der visuellen Gestaltung zu verfügen – ähnlich wie in den Naturwissenschaften. Also über methodische Grundprinzipien und ästhetische Kriterien, nach denen jeder Entwurf auf unterschiedliche Nutzer und Medien zugeschnitten werden sollte. Jetzt plötzlich waren wieder der Markt, der Trend, der auf einen ‚zeitgemäßen Stil’ pochende Kunde die Stellgrößen, an denen das Entwerfen sich orientieren musste!

Dich Rolf hat das aber kaum betroffen. Denn Du warst ja immer alles andere als ein verbohrter Ideologe. Sondern das genaue Gegenteil: ein Praktiker durch und durch, ein stets suchender und immer fündig werdender Gestalter, zu Hause in der globalen Welt und befreundet mit führenden internationalen Designern. Also offen für alles, was eigene Ideen und neue gestalterische Ansätze befördert – sprich Grafik und Typografie lebendig hält. Dabei allerdings auch ein höchst kritischer und selbstbewusster Zeitgenosse! Einer, der den Wünschen und Zumutungen seiner Auftraggeber lustvoll Paroli bot. Einer, der das leidige Geschwätz von der ‚Unternehmenskultur’ mit weitgreifenden Empfehlungen konterkarierte. Und der die Honorierung seiner Arbeit als Preis dafür sah, der Empfehlung Taten folgen zu lassen, für die er auch Verantwortung übernahm.

Diese raren Qualitäten als Gestalter hast Du in keiner klassischen Ausbildung erworben – Du hast sie Dir selbst beigebracht. Denn im Grunde bist Du – wie übrigens viele bedeutenden Gestalter – ein Selfmademan! Einer, der von Jugend an die Methode ‚Versuch + Irrtum’ für sich entdeckt hat und stets danach handelte. Dazu auch einer, der sich nie in gestalterischen Theorien verlor oder darüber lamentierte, sondern der seine Arbeitspraxis als Lebenspraxis formte. Das war schwer genug. Doch Du hast diesen Parcour, wie alle späteren Hürden, mit sicherem Instinkt, Weitblick und in erstaunlicher Schnelligkeit gemeistert. Und Du hast alles, was Du begonnen hast, stets mit äußerster Intensität und Konsequenz betrieben.

Schon mit 20 Jahren kamst Du nach Ulm, an die „hochschule für gestaltung“. Zwar hatte Dich zunächst das Theater und die Bühnenbildnerei gefesselt, doch dann begegnete Dir eines der legendären Braun-Radios und der Name Max Bill. Dies schien Dir die einzig vernünftige Antwort zu sein auf das, was Dich damals bewegte. Du hattest es einmal so formuliert: „Ich kam aus der westfälischen Provinz, den Kopf voll mit dem Glaubensersatz ‚Existenzialismus’, dem Wettstreit der Kunst-Ismen und der Bilder, den geistigen und den realen Bildern des Bauhauses. Ich war beseelt von dem Wunsch, mein Nein gegen die Welt der Elterngeneration (Nazi-Erbe, Adenauerisches, Kitsch und Plüsch, etc.) in ein Ja zu einer besseren Welt zu verwandeln.“

Aber was für eine Enttäuschung: Statt Max Bill, der die HfG 1960 bereits zähneknirschend verlassen hatte, fandest Du nur seine Spuren: die ewige Kontroverse zwischen den eher sinnenfreudigen und den betont rationalen Gestaltern. Doch in der Grundlehre begegneten Dir noch zwei exponierte Anhänger beider Richtungen – F. Vordemberge–Gildewart und A. Froshaug. Sie gaben Dir eine erste Orientierung in Sachen Farbe, Komposition und Typografie. Das reichte Dir zunächst und Du folgtest dem Schweizer Grafiker J. Müller–Brockmann – Gastdozent in Ulm und damals schon Legende – zum Praktikum nach Zürich. Was dort an komplexer gestalterischer Praxis und kultureller Moderne auf Dich einstürzte, hat Dir Augen und Hirn weit geöffnet: Müller–Brockmanns radikale Gestaltung der „musica-viva“–Plakate für die Tonhalle Zürich; Max Bills faszinierende Büro–Werkstatt–Atmosphäre und berühmte Kollegen wie Carlo Vivarelli, Hans Neuburg oder Nelly Rudin; doch ebenso das Literaten–Café „Odeon“ und die linke Buchhandlung Pincus. Das waren erste Adressen für den geistigen Aufbruch in eine Dir bis dahin unbekannte Welt, die hier das kulturelle Klima prägten und einen angemessenen Fond für neue gestalterische Wege bildeten – mit der schwäbischen Beschaulichkeit Ulms in keiner Weise zu vergleichen!

Ich bin sicher, Rolf: Es war eine Art Erweckungserlebnis, das Du von nun an zeitlebens am Köcheln gehalten hast. Jetzt wolltest Du mehr gestalten als studieren, Ideen greifbar werden lassen und dafür Tempo aufnehmen. 1962 zurück in Ulm, ging das nun Schlag auf Schlag: die Mitarbeit in Otl Aichers „Entwicklungsgruppe E5“ (übrigens Deine erste ‚Auszeichnung’!); schon zwei Jahre später die Gründung eines eigenen Büros, die ersten selbstverantworteten Projekte und der erste Erfolg – die Plakate für Hans Mayer, die dessen Esslinger „(op)art galerie“, platziert in einem winzigen ehemaligen Sarglager, im Handumdrehen zur ersten Adresse dieser neuen Kunstrichtung in Süddeutschland machten.

So war folgerichtig, dass Otl Aicher Dich 1967 zu seinem Stellvertreter bestimmte, als er „Gestaltungsbeauftragter“ der XX. Olympischen Spiele wurde. Sozusagen zum Art Director, der das noch nicht eingespielte Team junger Grafiker und Typografen führen, die Entwurfsphasen für dieses hochkomplexe visuelle Erscheinungsbild koordinieren und ihm den Rücken freihalten sollte. Schließlich tobte ja damals in München anfangs noch ein politischer Machtkampf um Einflusssphären – zwischen dem Organisationskomitee um Willy Daume und einer Anti-Lobby aus Ministerpräsident und Oberbürgermeister, die vom Zeltdach des Architekten Behnisch bis zum Strahlenkranz–Logo Aichers zunächst alles torpedierte.

Doch lassen wir das heute. Hier geht es endlich einmal um Deine Rolle, bei diesem grandiosen Projekt; um Deinen Beitrag für dieses Konzept eines betont ‚spielerischen’ Erscheinungsbildes für so eine gewaltige Sportveranstaltung, über den bislang kaum jemals gesprochen wurde. Auch von Otl Aicher, nie eher nur beiläufig. Ich danke der Jury des Designpreises 2008 deshalb ausdrücklich dafür – sicher auch im Namen aller hier Anwesenden – dass sie sich nicht nur für Rolf Müller entschieden, sondern schon am Anfang ihrer Begründung ganz betont auf seine Leistung als visueller Gestalter bei den Olympischen Spielen 1972 verwiesen hat.

Deine unverwechselbare Handschrift und die Deiner Teamkollegen – ich nenne stellvertretend nur den Typografen Michael Burke – ist unverkennbar. Ohne Dein unbestechliches Auge und Deine sichere Hand, ohne Dein sensibles Farbgefühl und ohne Deine fast poetische Sehnsucht, Flächen in Räumen aufgehen zu lassen, wäre dieses lebendige Gestaltungsprogramm nie so entstanden: Ein noch heute ‚frisches’ Konzept, Vorbild für alle nachfolgenden Olympischen Spiele – von der Orientierung in Sportstätten und Umraum bis zu den Eintrittskarten und Souvenirs!

Und ein ganz neuartiges Konzept. Das bezeugen allein schon die ersten visuellen Erscheinungsbilder für Unternehmen wie BRAUN und Lufthansa, die in den Jahren davor an der HfG Ulm entstanden – unter Aichers Führung. Das waren noch statische klassische Entwürfe aus strengen Rastersystemen, in die – wie in einem Korsett – die gestalterischen Elemente Logo, Schrift, Grafik und Foto schematisch eingepasst waren. (Noch heute übrigens bevölkern solche dickleibigen Regelwerke – „Manuals“ genannt – die Vorstandsetagen großer Weltunternehmen!)

Meine Damen und Herren, lieber Rolf – ich bin mir der Tragweite nachfolgender Behauptungen bewusst, doch heute mehr denn je davon überzeugt: Hier in München schlug vor 40 Jahren die Geburtsstunde des modernen Corporate Design! Denn in dem Gestaltungsprogramm für die Olympischen Spiele ´72 wurden nicht nur die alten, ganzheitlichen Gestaltungsideen von J. M. Olbrich und P. Behrens aktualisiert, sondern auch ein Gegenmodell zum klassischen Erscheinungsbild entwickelt: nämlich variable visuelle Elemente im Rahmen eines konstanten Konzeptes für ständig wechselnde kommunikative Aufgaben bereit zu halten. Der kreative Zugriff Rolf Müllers und sein kluges, nachhaltiges Argumentieren hatten dabei entscheidendes Gewicht. Allein dieser historische Beitrag zu Philosophie und Entwicklung moderner visueller Kommunikation rechtfertigt schon diesen ehrenvollen Designpreis!

Vielleicht könnten künftig die Preisträger in Sachen ‚Design’ auch durch eine kleine Ausstellung ihrer Arbeiten geehrt werden. Dann ließe sich meine These überzeugend veranschaulichen. Wir könnten hier anschließend zumindest einige der 100 großen Tafeln bewundern, auf denen seinerzeit das gestalterische Konzept präsentiert wurde. Wir würden auch einen Eindruck davon gewinnen, in welcher Weise Deine Gestaltungsarbeit für die Olympischen Spiele nahtlos fortgeschrieben wurde. Zum Beispiel in den über 30 weiteren Erscheinungsbildern und Orientierungssystemen, die das Büro Rolf Müller bis heute für große Wirtschaftsunternehmen, Versicherungen, Fremdenverkehrsverbände, Universitäten oder für Ministerien entwickelt hat. Und sogar für große Städte wie Leverkusen. Bereits von 1971 an entstand über 20 Jahre diese glaubwürdige, weil uneitle Selbstdarstellung einer modernen Kommune – das Modell für ein Umdenken vieler anderer Städte. Eben weil hier nicht Kosmetik betrieben oder Spektakel inszeniert wurde, sondern alle Tätigkeiten der Stadtverwaltung in Wort und Bild durchgestaltet sind – informativ, visuell bis ins letzte Detail und schon deshalb dauerhaft.

Du merkst als Erster, lieber Rolf: Dies alles lässt sich kaum in Worte fassen, nur zeigen. Genau so wie Dein höchst eigenwilliger, immer kritischer Umgang mit engen Aufgabenstellungen, der auch bei Prospekten und Katalogen, Büchern und Kalendern stets zu ungewöhnlichen gestalterischen Lösungen führt. Vor allem aber Deine Plakate brauchen den unmittelbaren Augenkontakt. Dann würde jeder sofort verstehen, warum sie vielfach erste Preise gewannen, mit internationalen Medaillen ausgezeichnet wurden und in allen großen Plakatsammlungen präsent sind – vom Museum of Modern Art New York bis zur Neuen Sammlung in München. Ich will nur eines erwähnen, was mich immer begleitete und womit ich den Studenten versuchte, unterschiedliche visuelle Denkweisen zu erläutern – im Vergleich zu Entwürfen anderer Gestalter. Es ist Dein legendäres Plakat für die „Kieler Woche“. A. Stankowski konstruierte als Bildmotiv zum Text noch eine weißes Dreieck als ‚Segel’; P. Mendell nutzte dafür eine abgerissene Papierecke; Dir jedoch genügte dafür das verbale Markenzeichen „Kieler Woche“ – zweizeilig, linksbündig, formatfüllend und gegen den Wind leicht gewölbt gezeichnet. Von dir selbst!

Genau das ist seit jeher Deine Handschrift: die Reduktion auf wesentliche Aussagen und sparsame, klare Gestaltungsmittel; überraschende Spaziergänge im reichen Fundus von Schrift und Typografie; bei Bedarf die Liebe zu eigenwilligen Fotografen und Illustratoren; mitunter auch artistische Einlagen; doch immer das Denken in weitgreifenden gestalterischen Programmen. Ein unvergleichlicher Verschnitt, gut abgelagert, aus Ernst und Spiel, Erfahrung und Neugier, Gewissheit und Vision.

Was Dich dafür motivierte, was Dich dazu inspirierte, wurde jedem klar, der einmal Deine private Lebensumgebung sah – Fundstücke überall, visuelle Leckerbissen aus aller Welt – kein Designerchic, sondern Anregungen, auch Rätselhaftes und möglicherweise später Brauchbares. Deine tiefe Zuneigung zur japanischen Ästhetik, zu subtilen Farben und Oberflächen, Materialtexturen und Formendetails, wurde jedem deutlich, dem Du Deine Rollbilder und Kalligraphien mit Leidenschaft erklärtest. Es muß Dich lange gewurmt haben, dass dies alles sich so schwer im Tagesgeschäft nutzen ließ.

Doch dann kamen 1980 der Drucker und Verleger Günther Braus und die Heidelberger Druckmaschinen AG auf Dich zu, um gemeinsam ein Konzept für eine Selbstdarstellung und die Leistungsbreite dieses Weltunternehmens zu entwickeln. Daraus entstand jedoch weder ein schönes Buch, noch eine tolle Prospektreihe. Du hattest vielmehr die geniale Idee, statt dessen eine periodische Publikation zu schaffen, in der peu à peu gezeigt werden konnte, wie sich ausgefallene gestalterische Ideen mittels excellenter Drucktechnik verwirklichen lassen. Es entstand eines der schönsten, instruktivsten und anregendsten Design-Magazine: „HQ – High Quality – Die Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte.“

Dreizehn Jahre lang – so alt wurden auch Bauhaus und Ulmer HfG – hattest Du jetzt neben dem Tagesgeschäft eine redaktionelle und gestalterische Spielwiese, auf der Du geistig spazierengehen und visuell trainieren konntest. Und wir Gestalter – allen voran die Lehrenden und die Studierenden – empfingen dreimal im Jahr jeweils einen thematisch speziellen Musterkoffer, aus dem sich uns, wie sonst nirgendwo, das Panorama moderner visueller Gestaltung erschloß.

Ich weiß, die 10 Minuten, um die Du mich für diese Laudatio gebeten hast, sind längst um. Und ich habe noch nicht einmal Deine zahllosen Preise, Auszeichnungen, Ehrungen oder Ausstellungen erwähnt, nichts über Deine Juryarbeit, Deine Veröffentlichungen, Deine Vorträge und Deine Lehrtätigkeit berichtet. Entschuldige, aber Du weißt ja wie ich mich immer verzettle. Statt dessen noch eine sehr persönliche Bemerkung: Preise zeichnen nicht nur aus, sie deprimieren auch – wie im Feinkostgeschäft! Dies hatte ich eingangs mit Blick auf die Zeit, die nimmer wiederkehrt gemeint, die jedem Preisträger bewusst wird. Doch eine so ehrenvolle Auszeichnung für eine Lebensleistung wie Deine, vermag im Rückblick auch manche Fehleinschätzung zu korrigieren. Zum Beispiel die, dass der visuelle Gestalter mit dem Künstler rein gar nichts gemein hat.

Dieser Glaubenssatz hat uns natürlich schon seit der Studienzeit an der HfG Ulm im Griff, wo alles, was mit ‚Kunst’ zu tun hatte, zumindest offiziell tabu war. (Schon um sich von den klassischen Akademien scharf abzugrenzen.) Aber er wurde auch im Widerspruch zu unser beider Altvater Anton Stankowski gestärkt, der stets von „freier“ oder „angewandter“ Kunst sprach und den Grafik-Designer in letzterer Kategorie sah.

Folgerichtig hast Du im Gespräch einmal bitter bemerkt – es bleibt mir unvergessen – dass der visuelle Gestalter, im Gegensatz zum Künstler, nichts wirklich Dauerhaftes, sondern im Grunde nur ‚Abfall’ entwirft. Also Dinge, die sich meist schnell oder zumindest irgendwann verbrauchen und dann sang– und klanglos entsorgt werden.

Nun wissen wir allerdings – um mit unserem Idol Karl Gerstner zu sprechen – dass auch der sogenannte ‚Künstler’ zunächst ja keine ‚Kunst’ schafft, sondern Bilder oder Objekte, ästhetische Konzepte oder gestalterische Programme. Ob diese Dinge schließlich tragfähig bleiben und dauerhaften Wert als ‚Kunst’ gewinnen, entscheidet sich erst nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten.

Kurzum, lieber Rolf – was ich damit zum Schluß sagen will: Der Münchner Designpreis 2008 bescheinigt Dir eindrucksvoll – und wir alle stimmen dem überzeugt zu – dass Du Dauerhaftes, weil nämlich Richtungsweisendes geschaffen hast. Als visueller Gestalter wie als Redaktor, als Autor wie als Lehrender. Gerade dieser Designpreis bezeugt es heute.

Natürlich bist Du allein deshalb noch kein Künstler. Aber doch visuell so eigenwillig, so zitierbar und so stilbildend wie nur die Besten unter ihnen!

 

Danke für Ihre Geduld.

 

 

Peter von Kornatzki im Garten des Anwesens von Rolf Müller 2015

Peter von Kornatzki. http://www.bfk-kornatzki.de/bfk-kopfe/

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Peter von Kornatzki. Dank an dieser Stelle auch an Nico von Kornatzki für die Unterstützung