High Quality

Schulen (1994) High Quality, Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte, Heft 29 2/1994, S. 78

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Rolf Müller: “Als ich nach Ulm kam, war Max Bill weg. Ich kam aus der westfälischen Provinz, 20 Jahre alt, den Kopf voll mit dem Glaubensersatz Existentialismus, dem Wettstreit der Kunst-Ismen und den Bildern, den geistigen und den realen Bildern des Bauhauses. Ich war beseelt von dem Wunsch, mein Nein gegen die Welt der Elterngeneration (Nazi-Erbe, Adenauerisches, Kitsch und Plüsch, etc.) in ein Ja zu einer besseren Welt zu verwandeln.

Schon nach wenigen Tagen in Ulm erführ ich, dass der Name Max Bill ein Schlüsselwort war für eine dauernde und heftige Diskussion, ein Kennzeichen für eine der beiden Positionen im ewigen Disput: Wird der Gestalter geführt, beseelt oder gar legitimiert durch die Rationalisierung seiner ethischen und ästhetischen Prozesse? Oder sind das Spielerische, die Freude an der sinnlichen Entdeckung und deren ebenso sinnliche Gestaltung der eigentliche Auftrag?“

Max Bill war das Synonym für das Atelier, Hans Gugelot, Otl Aicher, Herbert Ohl u. a. realisierten die Labor-Werkstatt-Entwicklungs-Gruppen-Idee.

Und da fühlte ich mich wohl: im Alltag der Widersprüche. Denn unabhängig vom Disput über die gesellschaftliche Position des Gestalters (und die war heftig) durfte ich experimentieren. Neues versuchen, handwerklich gebunden, aber geistig radikal.

Max Bill war mein Synonym für die Weiterentwicklung des Genius loci, der Künstlerwerkstatt, die im Falle des Erfolges, und nur dann, auch politische Macht ausüben kann. Die Entwicklungsgruppen der hfg und das korrespondierende Unterrichtsprogramm faszinierten mich durch ihre gruppendynamische Qualität und ihren direkten politischen Anspruch. Der Ulmer Disput hat mich nicht entlassen. Es diskutiert in mir weiter: Bin ich Teil des Ganzen oder Robinson Crusoe?

Auch wenn sich die Bedingungen des Gestaltens geändert haben, der Konflikt bleibt: Die Positionierung zwischen Künstleratelier und Labor für visuelle Kommunikation.“

MuellerDesign

 

Die Hochschule für Gestaltung Ulm, 2015

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Mehr Fotografien: Andreas Bohnenstengel Archiv