Rückblick. Einblick.

Peter von Kornatzki und Rolf Müller zwei Ehemalige der hfg ulm, berichten über die Abteilung visuelle Kommunikation.

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Erschienen in: Schulen High Quality (1994), Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte, Heft 29 2/1994 (S. 58–77), ISSN: 0177-2945

 

Schulen für Gestaltung.

Auch Gestaltschulen sind zuerst Lehranstalten und erst später vielleicht Lernmodelle: Die sie führen, möchten dort Bestimmtes auf bestimmte Weise lehren; die hier lehren, haben etwas zu sagen und glauben, dass das die Lehre ihrer Schule auch bestimmt. Das Bauhaus, richtungsweisende Schule für Gestaltung in der ersten Jahrhunderthälfte, ist zunächst eine Versammlung vor allem künstlerisch überzeugender Gestalter mit Drang zu weltweiter Mission: Die meisten Lehrer dort verfügen über individuelle Lehren; sie wissen, was sie wie gestalten und warum; sie halten die meisten anderen Lehrkonzepte von Gestaltern für falsch! Die Neigung, möglichst viele solcher in sich abgeschlossener Solitäre zu berufen, schärft das Schulprofil, verengt aber gleichzeitig den Spielraum lebendiger Entwicklung.

Das Ende des Bauhauses in Weimar ist nicht nur der politische Akt restaurativer Eiferer. In Dessau mussten die Institution als Hochschule für Gestaltung auch deshalb neu eröffnet werden, weil andere Ziele und Methoden nur mit neuen Kräften in veränderten Strukturen praktiziert werden können: Die avantgardistische Kunstschule wird zu experimentellen Gestaltungsschule.

 

Hochschule für Gestaltung.

Unmittelbar nach Kriegsende beschließt Inge Scholl, die Wurzeln des Faschismus bloßzulegen und in offenem Disput humanistischen Geist und demokratische Haltung zu entwickeln. Die Volkshochschule Ulm als Treffpunkt von Philosophen, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Gestaltern wird aktiver Gedenkort für Ideen wie Ziele ihrer hingerichteten Geschwister. Otl Aicher, Freund und Kamerad der Gruppe um Sophie und Hans Scholl und später Ehemann von Inge Scholl, ist treibende Kraft, Moderator und Entwerfer der Plakate in diesen ersten Jahren der Ulmer vh. Es entsteht der Plan, die Vortragsreihe auszuweiten, die Bildungsziele zu präzisieren und diesen Arbeitsrahmen zu institutionalisieren und diesen Arbeitsrahmen zu institutionalisieren. Eine Hochschule mit politischem Gewicht wird gedacht, um geistige Modelle für den Erneuerungsprozeß in Deutschland zu entwerfen. Jenseits von Kunst ist Gestaltung hier zunächst ein gesellschaftlicher Begriff – gegründet auf sozialer Verantwortung, demokratischer Gesinnung, aufklärerischer Haltung und getragen vom Willen zu politischer Veränderung. Visuelle Gestaltung, Aichers Metier, ist selbstverständlich Teil dieser Vision, weil sichtbarer Ausdruck und Transmissionsriemen des Entwurfs einer neuen Gesellschaft.

Erst im Diskurs mit Max Bill, Verbindungskraft zum Bauhaus Dessau und Protagonisten der neuen Gestaltung wie Gropius, Albers und Peterhans, entsteht die Idee einer Hochschule für Gestaltung. Doch hier verlagern sich nur die Akzente: das nationale Kalkül, die politische Vernunft, Sozialgeschichte und Kulturkritik bleiben Bezugsrahmen und Motor der Ausbildung verantwortungsbewusster Gestalter.

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Grundlehre.

Das ganzheitliche Konzept der Hochschule für Gestaltung markiert auch die Breite und Tiefe des Lehrangebots. Produktgestaltung, industrialisiertes Bauen, Information und visuelle Kommunikation sind sich ergänzende Tätigkeitsfelder des Entwerfens in der modernen Industriegesellschaft und deshalb Abteilungen der HFG. Dieser verbindende Denkansatz und der Wechselbezug übergreifender Projekte bedingen eine gemeinsame Grundlehre. In den ersten Jahren – von 1953 bis etwa 1958 – ist dieses Lehrangebot noch stark an Erfahrung und Praxis des Bauhhauses orientiert. Freihandzeichnung, Experimente mit Materialien, Darstellen ohne Zirkel und Lineal bestimmen das visuelle Training von Auge und Hand. In bewusster Abgrenzung zu Kunst wird dieses freie Programm gestoppt, das Zeichnen systematisiert und das reflektierte Visualisieren zur Richtschnur visueller Kommunikation.

Nicht modern sein (Eugen Gomminger), sondern besser machen (Otl Aicher), nicht künstlerisch überhöhen, sondern auf Funktion zuschneiden, den geläufigen Gegensatz zwischen Schönheit und Gebrauch überwinden – das sind Lernziel und Handlungsrahmen der HfG. Zumindest am Anfang ist diese Schule also ein im Prinzip offenes System und gerade darin grundverschieden zum Bauhhaus.

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Visuelle Kommunikation.           

Charakteristisch für die HfG ist auch ihr sprachlicher Apparat zur eindeutigen Kennzeichnung von Merkmalen, Sachverhalten und Tätigkeiten innerhalb der Gestaltung. Die entsprechenden Begriffe sind zum Teil der Soziologie und Philosophie, Linguistik oder Nachrichtentechnik entlehnt und spiegeln den Willen zu interdisziplinärer Denkstruktur. Vor allem aber signalisieren sie das Bemühen, Elemente wie Prozesse der traditionell subjektiven Gestaltung über klärende Bezeichnungen objektivierbar zu machen.

Die HfG prägt den Begriff der visuellen Kommunikation und findet damit zugleich die Abgrenzung und das Programm innerhalb verschiedener Arten, Formen und Schwerpunkte visueller Gestaltung. Propaganda und Information, Reklame und Gebrauchsgrafik sind die Bereiche, in denen Grafik, Typographie, Fotografie, Farbe und Zeichen unterschiedliche Rollen spielen. Visuelle Kommunikation beschreibt hier genauer als Grafik-Design den Prozeß der Beeinflussungstechnik und präferiert dabei nicht ein Gestaltungsmittel. Und der Begriff überwindet die scheinbaren Grenzen zwischen klassischer Tafelgrafik und elektronischen Medien: Die visuelle Zeichensprache ist das übergreifende, kontrollierbare Vehikel, um Kommunikator und Rezipient partnerschaftlich zu verbinden.

Die Visualisierung abstrakter Sachverhalte oder schwer wahrnehmbarer Prozesse ist in Ulm bevorzugtes Terrain grafischer wie typografischer Gestaltung. Auf elementaren Übungen mit Punkt, Linie und Struktur bauen komlexe Diagramme auf, die Daten und Fakten greifbare Gestalt, vor allem aber Anschaulichkeit geben. Gestaltungsarbeit ist hier mehr Kopf- als Handarbeit: Das Auge denkt mit.

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Visuelle Didaktik.

Wie offen die HfG ihr Programm und ihre Lehre sieht, verrät die andauernde Personaldebatte. Aber auch die durchgängig hohe Zahl von Gastdozenten ist nicht nur Folge eines engen Finanzrahmens, der teure Festdozenten ausschließt: Lehrer auf Zeit, aus unterschiedlichen Ländern, markieren wechselnde gestalterische Schwerpunkte; ihre Lehrmeinung erweitert den Entwurfshorizont, ergänzt die didaktische Debatte und hilft mit, allmählich ein spezifisches Curriculum einzugrenzen. Durch methodischen Wechsel (aber auch durch Machenschaften) verändert sich der Lehrkörper ständig und hält so die Lehrmethodik in Bewegung. In der Grundlehre der HfG zeigt das die Entwicklung der elementaren visuellen Gestaltungskurse besonders deutlich.

Ausgangspunkt der typischen Ulmer „visuellen Didaktik“ ist der Ansatz, Gestaltung immer als Organisation von Zeichenwelten zu begreifen. Visuelle Gegenstände wirken nach semiotischer Denkweise aber nur dann als „Zeichen“ wenn sie in dreifacher Weise funktioniere: syntaktisch, semantisch und pragmatisch. Auch der methodische Umgang mit Farbe ist von dieser analytischen Sichtweise bestimmt. Mitte der fünfziger Jahre orientiert sich die Ulmer Farbdidaktik aber noch stark an naturwissenschaftlicher Phänomenologie und rein syntaktischen Übungen im Geiste des Bauhauses (Helene Nonne-Schmidt und Josef Albens). Anthony Froshaug und Tomas Maldonado vermitteln dann Anfang der sechziger Jahre in ihren Kursen Farbgestaltung als Form visuellen Denkens. Dafür werden mathematische und wahrnehmungspsychologische Gesetzmäßigkeiten systematisch untersucht. Der Albens-Schüler William S. Huff schließlich erprobt Mitte der sechziger Jahre Farbe in außergewöhnlichen Farbstellungen und räumlichen Strukturen als Bedeutungsträger.

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Hand und Kopf.

Die meisten Studenten kommen nicht als blanke Abiturienten nach Ulm, sondern als gestandene Praktiker. Sie besitzen handwerkliche Erfahrung. Lust am Machen und suchen für ihre Fähigkeiten die geistige Klammer. Die HfG baut auf die Kritik geläufiger Praxis, setzt deshalb praktische Fertigkeiten wie intellektuelle Beweglichkeit voraus und fördert im gesamten Entwurfsprozeß den Dialog zwischen Hand und Kopf.

Exakter Modellbau, reale Simulation gedachter Gestaltungsmerkmale und authentische Anmutung gelten als Vorraussetzung für die Vergegenständlichung von Entwurfsideen. In der Abteilung visuelle Kommunikation sind deshalb die Typo-Werkstatt und Herbert Maeser Dreh- und Angelpunkt des Entwurfs. Hier finden die Kurse in Bleisatz wie Drucktechnik und Exkursionen in Geschichte wie Gegenwart des Papiers statt. Versierte Schriftsetzter führt der kollegiale Werkstattleiter an die Raffinessen von Tabellensatz und Andruck. Und jeder gute Entwurf darf hier noch nächtens realisiert werden. Allein schon die Qualität der kleinen privaten Drucksachen belegt die zentrale Rolle des Werkstattbetriebs und die Kontrollfunktion des Machens innerhalb der Ausbildung zu visueller Gestaltung.

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Programme entwerfen.

Gestaltung an der HfG ist immer Teil eines Programms: Visuelle Zeichen werden einem Repertoire entnommen, auf ihre Fähigkeit als Bedeutungsträger untersucht und in eine definierte visuelle Struktur integriert; das Kommunikationskonzept – ein Beziehungsgeflecht zwischen Ziel, Botschaft, Medium und Gestaltungsmitteln – trägt diesen programmatischen Entwurfsprozeß. Visuelle Gestaltung à la Ulm muß aber auch deshalb als Programm entwickelt werden, weil sie nicht – wie modische Konsumwerbung – auf schnellen Verschleiß zugeschnitten wird. Visuelle Erscheinungsbilder sind viel mehr auf Dauer angelegt und demonstrieren ihre verbindliche Programmatik schon im Manual; einschließlich des gestalterischen Spielraums. Denn eine Gestaltungslinie wird zwar durch Konstanz der visuellen Zeichen und Ordnungsmuster garantiert, doch schafft erst Variabilität der Gestaltungsmittel den erforderlichen Spielraum. In seinem Konzept für die Stadt Ulm entwickelt Otl Aicher – Jahre vor den Isny-Piktogrammen – die Vision eines Wechselspiels von schwarzen und weißen Strukturen, dessen Programm er der Musik entlehnt: Kontrapunkt, Fuge, Tonläufe. Johann Sebastian Bach.

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Raum und Bewegung.

Ganzheitliches Denken bewegt sich in geistigem Raum und gestaltet auch die Welt immer als räumliches Modell. Gerade im Ineinandergreifen der verschiedenen Facetten eines Dinges entfaltetn sich wechselseitige Beziehungen und erschließen sich Gestaltqualität. Auch die Hochschule für Gestaltung denkt und entwirft die Welt im Geist der Moderne immer als Einheit von Architektur, Produkt, Sprache und visueller Kommunikation. Deshalb haben sich alle Studenten mit wesentlichen Gedanken dieser Gestaltungsbereiche auseinanderzusetzen. Zunächst in theoretischen Kursen, dann aber auch in fächerübergreifenden Entwurfsseminaren wird Gestaltung als ein nur gemeinsam zu bewältigendes Unternehmen eingeübt – zum Beispiel als Produktgrafik, Orientierung im Raum oder Ausstellungsplanung. In der visuellen Kommunikation zeigt schon der Begriff die Vorstellung von räumlicher Bewegung an: nicht Tafelgrafik als in sich abgeschlossene, zweidimensionale Gestaltungsfläche wird hier thematisiert; vielmehr geht es um den Prozeß der anschaulichen Vermittlung von Information in Raum und Zeit mit ganz unterschiedlichen Medien. Nicht zufällig spielen deshalb Fotografie und Film, Fernsehgrafik und Zeichensystem eine so wichtige Rolle im Unterricht; erst im Bewegungsablauf definieren sich Gestalt und Funktion des einzelnen Zeichens so außerordentlich scharf und gerade beim Wechsel von Zeichenformen erweisen sich Auge und Hand des Gestalters als die bestimmende Kraft.

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Zeichen und Bedeutung.

Zu den bedeutenden Leistungen der Hochschule für Gestaltung zählt die theoretische Fundierung visueller Kommunikation und die Entwicklung entsprechender analytischer Techniken. Max Bense, der Mathematiker, Philosoph und Bill-Freund, führt beiseinem kurzen Gastspiel in der Abteilung Information die Instrumentarien von Linguistik, Semiotik und Informationstheorie ein. Guy Bonsiepe und Tomás Maldonado verfeinern dieses Werkzeug und präparieren es für spezielle Verfahren, mit denen sich elementare Phänomene visueller Kommunikation – rhetorische Figuren, Zeichenklassen, syntaktische Strukturen – präzise beschreiben und bewerten lassen. Für die Studenten ist dieser Denkansatz erstaunlich leicht nachzuvollziehen. Maldonado schafft dafür mit seiner Terminologie der Semiotik eine handliche Grundlage.

Bonsiepe schärft mit visuellen Analysen innerhalb seiner theoretischen Kurse – stets als Hilfe eigener Recherchen gedacht und zur Publikation in der HfG-Zeitschrift ulm bestimmt – den Blick für visuelle Rhetorik in der visuellen Kommunikation. Und er macht so – ebenfalls eines seiner großen Verdienste – mit elementaren persuasiven Techniken der, sonst an der Schule verpönten, Werbung vertraut.

Die persuasive Kommunikation – der etwas distanzierte Begriff für Überredung und Reklame, mithin für Konsumwerbung – ist über Jahre ein fester Baustein im Lehrprogramm der HfG. Dölf Zillmann, Absolvent der Schule und bei der Advico-Agentur in Zürich praktisch wie theoretisch mit Massenkommunikation vertraut, entwickelt dafür ein exzellentes Lehrkonzept. Herbert W. Kapitzki ergänzt es zeitweise mit dem Texter und Marketingexperten Bodo Rieger.

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Abbild und Wirklichkeit.

Ganz am Anfang der HfG gibt es noch Zeichenkurse, in denen der Blick auf die Wirklichkeit und ihre elementare Darstellung geübt wird. Stoffliches wie räumliches Skizzieren werden aber schnell aus taktischen Gründen geopfert: die Schule distanziert sich mit aller Kraft vom frühen Bauhhaus und von gängigen Kunstschulen. Neben der technischen Zeichnung gilt nur noch die Fotografie als legitimes Darstellungsmittel. Fotografie ist für die Studenten aller Abteilungen der HfG ein verbindlicher Bestandteil der Grundlehre. Sie dient als Mittel der Darstellung räumlicher Modelle, als Vorlage für Zeichnungen wie zur Visualisierung kommunikativer Aussagen. Der Werkstattleiter Fotografie unterrichtet die Techniken der Schwarzweiß-Fotografie, der Sachaufnahme und die Bildbearbeitung in der Dunkelkammer. Wegweisende Farbfotografien wie Peter Cormelius und Horst W. Baumann sowie Reportagefotografen wie Will McBride vermitteln als Gastdozenten das Repertoire moderner Fotosprache. Dieses Lehrprogramm wird systematisch ergänzt durch die semiotische Analyse des Bildes in theoretischen Kursen. Die Arbeit des Instituts für Filmgestaltung von Alexander Kluge und Edgar Reitz vermittelt elementare Kenntnisse der Bilddramaturgie: Die Bildfolge ersetzt das schöne Einzelbild.

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Entwicklungsgruppe E 5.

Konzept und Programm der HfG entwickeln einen neuen Begriff von Gestaltung und bezeichnen ihn kritisch auf klassische Praktiken des Entwerfens und der Produktion. Gängige Praxis und ihre Veränderung sind also zentrales Thema aller Entwursarbeit. Deshalb – nicht nur aus Gründen der Selbstfinanzierung – ist die Schule an Kontakten zur fortschrittlichen Industrie und an neuartigen Auftragsprojekten interessiert: um Theorie praktisch zu entwickeln.

In der Abteilung visuelle Kommunikation ist die Entwicklungsgruppe E 5 für die Abwicklung solcher Projekte zuständig. Hier entstehen die visuellen Erscheinungsbilder für die Firmen Braun und Lufthansa, hier werden Ausstellungssysteme und Verpackungsprogramme, Plakatreihen und Zeichensysteme entworfen, durch die sich die Ideen der Schule nach außen vermittlen. Otl Aicher gründet diese Arbeitsgruppe neben seinem eigenen grafischen Büro und besetzt sie mit sicherer Hand mit vorzüglichen Mitarbeitern, zum Beispiel Tomás Gonda, ungarisch-agentinischer Kosmopolit. Er wird für viele zum einflussreichen Anreger und Zeichengeber. Die E 5 arbeitet in Räumen der HfG und bezieht auch Studenten in Projekte ein. Als Schule in der Schule ist sie unverzichtbar Ratgeber und Quelle von Information, die sonst nicht zugänglich sind.

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Peter v. Kornatzki: Schule fürs Leben, selbst gefunden!

„Dem Elternhaus, der verordneten Lebenswelt, dem gesellschaftlichen Rollenspiel zu entkommen, zwingt mich als Sechzehnjährigen dazu, dem Alter Beine zu machen und wenigstens im Kopf zu wachsen.

Lesen ist die erste Methode solcher Flucht – Nietzsche und Freud, Brechts Stücke, aber ebenso expressionistische Gedichte, die Briefe van Goghs wie Feuchtwangers Goya.

Dann die Jagd nach moderner visueller Kunst, in der die Welt erst anders gesehen und schließlich nicht mal mehr abgebildet wird: über Toulouse-Lautrec zu den Impressionisten; von Braque zu Picasso und zu Klee, der Zeichen setzt. Da ist plötzlich das Bauhaus! Die umwerfende Idee, die Welt nicht nur hier und dort malerisch zu erfinden, sondern gleich als Ganzes bewusst zu gestalten. Und da sind auch die Bauten von Le Corbusier und Alvar Aalto, Mies van der Rohe und Egon Eiermann auf der Berliner Interbau 1957. Ob Formgestaltung oder Malerei, Architektur Literatur oder Musik – die radikale Moderne, was immer das genau ist, wird zum roten quadratischen Mond, in dem ich mich schärfer sehe als im runden, fahlen, gelben und dem alle Träume, alle Hoffnungen zufliegen.

Der Süden Deutschlands, Stuttgart, die Lehre beim Klett-Verlag, die Nähe zur Schweiz und zu Ulm: das ist ein idealer Ort, um visuelle Gestaltung auf den Begriff zu bringen und vor dem Studium schon ein handfestes Bild von Avantgarde und Schule zu entwerfen. Hier hängen Plakate von Stankowski und erscheinen Inserate von Kapitzki. Ein Vergleich gelungener Satzarbeit aus Winkelhaken und Fachzeitschrift signalisieren den feinen Unterschied von klassischer zu Schweizer Typographie. In der Berufschule wird geheimbündlerisch die Zeitschrift ulm der Hochschule für Gestaltung weitergereicht. An der Universität lehrt Max Bense, der in Ulm geschasste Bill-Freund und Philosoph, Moderne Ästhetik vor überfüllten Auditorium. Mit Wolfgang Weingart, dem Setzergenossen und Freund, werden diese Fäden aufgenommen und weitergesponnen: in Exkursionen auf den Ulmer Kuhberg, zu Ruder wie Hofmann nach Basel und zu den Ausstellungen in die Kunstgewerbeschule Zürich.

Das ergibt ein Panorama von Schulen und schärft das Profil der Schule, die zu finden ist, um ins Durcheinander von Einsicht und Selbstüberschätzung, Zweifel und Gewissheit, Sucht nach modernd sein und Glaube an Funktionalismus, ästhetischem Höhenflug und formaler Ratlosigkeit Ordnung, Ziel und Methode zu bringen. Die Entscheidung für die HfG Ulm ist also nicht zuerst das begeisterte Votum für eine politische Idee mit kritischem Anspruch. Sondern für diese singuläre Institution, ihre Lehrmethode, ihren Lehrkörper und den architektonisch faszinierenden Lernort.

Was zu lernen, worauf das Entwerfen zu focussieren ist, steht für viele bereits fest, die diese Schule anderen vorziehen. Doch wie dort gelernt wird, in welchen Stoffen und Mitteln, mit welchen Personen und Methoden gestaltung à la ulm sich hier vergegenständlicht, vergegenwärtigt – das schafft die unwiderstehliche Lust auf einen Weg, dessen Richtung überzeugt, auch wenn der Endpunkt, heute wie damals, höchst unbestimmt erscheint. Die damit verbundene psychische Anspannung – Unruhe, Glaube und Atemlosigkeit, gepaart mit dem Erlebnis einmütiger Anstrengung in der Gemeinschaft Gleichgesinnter – das beflügelt noch in Momenten scharfer Kritik am realen Geschehen der Schule; also an Entwicklungen, Entscheidungen und Praktiken, die in einem so anfälligen, weil letztlich familiär geführten Organismus unvermeidbar sind. Das Bild vom Kloster auf dem Kuhberg ist die prägnante Metapher, die die Einheit von Leben und Lernen, Machen und Denken sowie Subjekt und Objekt und Raum wohl am besten fasst. Nicht weil die platte Assoziation vom Ulmer Grau die Gegenwart der Zisterzienser beschwört, sondern weil im ganzheitlichen Anspruch, in Einfachheit wie Konsequenz, in alles durchdringender Gesittung und Brüderlichkeit noch einmal eine visionäre Idee aufleuchtet. Atheismus und Kleinschreibung, Formenkanon und Kurzhaarschnitt, Gestaltungssyntax und Gebrauchswert – all das sind nicht bloß Kennzeichen, es sind die Symbole dieser mönchischen Gemeinschaft. Eines engagierten Zirkels, der, inmitten angepasster Gefälligkeit, Reduktion und Selbstverzicht genauso wie Designkritik und Produktsemantik für unverzichtbare Instrumente rationaler gesellschaftlicher Erneuerung hält.

Die Hochschule für Gestaltung Ulm ist und bleibt Modell einer Schule des Lebens, die nicht vermittelt, sondern nur entdeckt werden kann. Auf mich wirkt sie bis heute wie ein geschliffenes Glas, in dessen Brennpunkt gestalterische Ideen sich mit gestaltenden Menschen eindrucksvoll verbinden. Und in dem ich als einzelner – wie nirgendwo – meinen Bezug zum Ganzen der Gestaltung sehe. Zu einem Ganzen, dass sich nicht bloß in der heute wieder verlorenen Einheit von Produkt, Blau, Information und Kommunikation oder im Zusammenhang von Programm, Schönheit und Verantwortung erschöpft.

Meine Prägung durch die HfG ist, im Rückblick wie im Vorausblick, viel weniger und zugleich viel mehr: die hier kultivierte Leidenschaft, Ding, Form, Sinn und Wert gestaltend aufeinander zu beziehen.“

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Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Peter von Kornatzki. Dank an dieser Stelle auch an Nico von Kornatzki für die Unterstützung