Zeichensetzer, Systemgestalter, Geschichtenerzähler

Rolf Müller über sein Selbstverständnis als Gestalter

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Geschichtenerzähler Bilder in einer bestimmten Abfolge, Grösse und An­ordnung aneinander zu reihen heisst, etwas Neues entstehen zu lassen, aus eins plus eins drei werden zu lassen. Text kann dabei bewusst zur Führung oder zur Störung des Neuen genutzt werden. Auge und Kopf fügen die Bilder und Text zu einem Ganzen zusammen – zu einer Geschichte.

Der Mensch hat schon immer Geschichten erzählt – sei es um Erfahrungen an nachfolgende Generationen weiterzugeben oder einfach zur Unterhaltung und zum Vergnügen. In Kunst und Kultur haben sich vom Theater über den Roman bis hin zum Film zahlreiche Formate entwickelt, in denen Geschichten erzählt werden. Auch der Gestalter kann ein Geschichtenerzähler sein. Hierfür muss er lernen, seine Umwelt mit grosser Neugierde wahrzunehmen und einen Blick für das Interessante und Aussergewöhnliche zu entwickeln. Er muss Vordergrund und Oberfläche ausblenden können und Wesentliches finden. Erst dann kann er anfangen richtig und einnehmend zu erzählen. Er tut dies mit den von ihm beherrschten Mitteln: Text, Fotografie, Grafik, Zeichnung. Die Kombination der Mittel führt zu unendlichen Geschichten.

In Zeiten, in denen Gestalter immer öfter als blosse Dienstleister am Computer wahrgenommen werden, ist die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, eine Stärke, die seine Arbeit einzigartig machen kann.

 

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Systemgestalter Erscheinungsbild, Corporate Design, Firmenauftritt, Branding oder Identity: Es gibt viele Begriffe für den visuellen Auftritt eines Unternehmens, einer Institution, oder eines Dienstleisters. Ordnung, Übersichtlichkeit und Wiedererkennbarkeit stehen dabei immer im Zentrum.

Visuelle Systeme bedürfen besonderer Anforderungen. Sie müssen in unterschiedlichen Medien und Formaten gleichermassen funktionieren und setzen daher eine Normierung voraus. Visuelle Systeme sollen aber auch gleichzeitig Spielräume zulassen für individuelle Kommunikationsaussagen. Der Systemgestalter bewegt sich in einem magischen Dreieck aus Chaos, System und Schema. Helmut Schmidt Rhen definierte die drei Eckpunkte so: Chaos = seelenlose Unordnung, System =  lebendige Ordnung, Schema = entseelte Ordnung. Im Zentrum dieses magischen Dreiecks steht die Ordnung. Neugierde, Subjektivität und Handwerk prägen sie und tragen im besten Fall zu einer ästhetischen Botschaft bei. Im schlimmsten Fall können sie zu blossem Selbstzweck führen.

Eines der ältesten Systeme unserer Kulturgeschichte ist die Typografie. Das Alphabet ist ein perfektes Spiel aus 26 Buchstaben, das einen systematischen und systemischen Geist in sich trägt. Vergleichbar agiert und konstruiert auch der Systemgestalter. Er macht Dinge sichtbar und lesbar und das stets spielerisch variierend. Für diese intellektuelle Leistung – für das Denken beim Machen – engagiert der Auftraggeber den Gestalter.

 

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Zeichensetzer Piktogramm, Logo, Plakat oder Buchumschlag sind Zeichensetzungen mit dem Ziel, mehr oder weniger komplexe Inhalte als wirkungsvolle Botschaften signalhaft in die Welt zu senden.

Zeichensetzung ist das elementarste und geschichtlich am stärksten verankerte Aufgabenfeld des Gestalters. Am Anfang steht der analytische Prozess: Was, will ich wem, mit welchen Mitteln, mitteilen? Mehrere mögliche Lösungen nähern sich visuell und inhaltlich dem Ziel. Der Zeichensetzer berücksichtigt dabei Wahrnehmungs- und Lesegewohnheiten, und trägt eine visuelle Diskothek der vorhandenen Zeichen als kulturelle Referenz mit sich. Die kreative Leistung besteht darin, den Entwurf so weit zu reduzieren, dass die Gestaltung unverwechselbar wird, und in Erinnerung bleibt.

Es reicht nicht aus, wenn Unternehmen oder Institutionen gute Dienstleistungen anbieten, hervorragende Produkte vertreiben oder interessante Projekte in die Tat umsetzen. Jedes Angebot muss auch sichtbar und begreifbar werden und benötigt dazu visuelle Zeichen und präzise Vereinfachungen. Computer und Gestaltungssoftware ersetzen den Gestalter nicht, vielmehr verlangen sie noch stärker seine Fähigkeiten als Identitätsstifter und Verdichter von Botschaften.

 

Der Text stammt aus der Publikation Rolf Müller: Geschichten, Systeme, Zeichen und erscheint mit freundlicher Genehmigung von dem Buchgestalter Jens Müller, optik Kommunikation und Gestaltung

 

Fotografien in der Monographie von Andreas Bohnenstengel

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